James Town - Ein Dorf zwischen Tradition und Moderne



Accra. Acht Uhr morgens. Acht Uhr morgens, das ist die Zeit, zu der es im ältesten Viertel der ghanaischen Hauptstadt am Geschäftigsten zugeht. Das ist die Zeit, zu der mir wieder einmal bewusst wird, wie sehr dieses Viertel durch die Zwiespältigkeit, die es ausstrahlt, besticht. Ich bin schockiert und fasziniert gleichzeitig. Schockiert, weil ich die Vergangenheit dieses geschichtsträchtigen Viertels kenne und fasziniert über die scheinbare Friedlichkeit, in der hier alle miteinander leben und den immer gleichen Alltag begehen.


Die Geschichte James Towns


Auf den ersten Blick ist James Town nichts als ein weiteres, überfülltes Viertel Accras, der Hauptstadt Ghanas. Bei genauerem Hinsehen erkennt man aber schnell, dass es sich hier keineswegs um ein Viertel wie all die anderen handelt. James Town, das älteste Viertel der Stadt, ist die Wiege von Ghanas Kampf gegen den Kolonialismus.

James Towns Geschichte beginnt mit dem Bau des James Fort, das König James 1. von Großbritannien 1673 bauen und nach ihm benennen ließ. Damals hieß das Viertel British Accra und wurde erst später in James Town umbenannt. Dort zwischen der Korle Lagune und dem Touristenviertel Osu, das bereits zu Kolonialzeiten existierte, trieben die Kolonialmächte ihr Unwesen. Auf mehr als unmenschliche Weise wurden hier Sklaven verkauft und verschifft. Koloniale Prachtbauten wurden errichtet und das James Fort wurde zum gefährlichsten Gefängnis ganz Ghanas. Kwame Nkrumah, der erste Präsident der ehemaligen Goldküste, der dem Land in die Unabhängigkeit verhalf, war ebenfalls jahrelang in dem Gefängnis am atlantischen Ozean inhaftiert.

Von Beginn an ist British Accra ein heißer, politischer Ofen. Die Bewohner von James Town waren es, die einen beachtlichen Teil dazu beigetragen haben, dass Dr. Kwame Nkrumah die Präsidentschaftswahlen 1951 gewann. Nkrumah arbeitete stark mit den Bewohnern und dem Chief des Dorfes zusammen, die allesamt der indigenen Völkergruppe der Ga angehören. Auch heute noch spürt man die starke Verbindung der Bewohner zu ihrem ersten Präsidenten und dem gemeinsamen Kampf gegen den Kolonialismus.


Ein Blick hinter die Kulissen

 


An dem Ort, an dem die Gräueltaten der Kolonialmächte stattfanden, lebt heute eine eingeschworene Community von Fischern. Die Menschen, die hier mit dem alten, in rot gestrichenem James Town Leuchtturm, dem James Town Fort und dem Ga Mantse Agbonaa Palast im Rücken und dem atlantischen Ozean vor ihnen leben, sind alle im Fischfang tätig. Vor etlichen Jahren wurde den Bewohnern, die hier in Blech- und Holzhütten direkt am Atlantik leben, angeboten, auf die andere Seite des Leuchtturms, weg vom Meer, zu ziehen. Doch sie lehnten alle ab. So ist es kaum verwunderlich, dass die Menschen sich hier auf den Fischfang spezialisiert haben. Männer bauen aus Holz Kanus, die bunt bemalt sind und machen sich früh morgens auf den Weg hinaus aufs Meer. Um die Familie ernähren zu können bleiben die Fischer von James Town aber keineswegs nur vor Accras Küste. Es zieht sie weiter hinaus. Hinaus bis zur Elfenbeinküste im Westen und nach Togo und Benin im Osten. Eine lange und auch gefährliche Reise, die die Männer da auf sich nehmen. Frauen verarbeiten den Fang der Männer weiter und die Kinder helfen ihnen dabei. Von klein auf sind sie in das Fischgeschäft der Eltern eingebunden und oftmals ist die Arbeit wichtiger als der Gang zur Schule oder in den Kindergarten.

James Town ist auch heute wieder lebendig wie eh und jeh. Fischer reparieren ihre Netze, Fische liegen zum Trocknen in der Sonne oder werden über großen Töpfen geräuchert, um später am Tag verkauft werden zu können. Ein paar Kinder schwimmen im Meer, während eine Gruppe älterer Jungs Fußball spielt. Frauen waschen die Wäsche der Familie in großen Bottichen, die mit Meerwasser gefüllt sind und direkt daneben werden die neu gebauten Fischerboote mit allen erdenklichen Farben bemalt. Ein paar Meter weiter laufen zwei Lehrkräfte durch die schmalen Wege zwischen den Wellblechhäusern. Sie holen einige der Fischerkinder direkt von Zuhause ab, damit sie auch wirklich die Schule besuchen und neben dem Fischerhandwerk auch essentielle Dinge wie lesen, schreiben und rechnen lernen. Selbstverständlich ist das hier auf der Seite vor dem Leuchtturm nicht. Es ist viel wichtiger, dass alle mithelfen, die Familie irgendwie zu ernähren. Eine gute Schulbildung der Kinder ist für viele Eltern eher zweitrangig.

Die andere Seite des Leuchtturms


James Town ist noch viel mehr als ein armes Fischerdorf. Es ist ein Viertel, in dem die unterschiedlichsten Menschen zusammenleben, ein Viertel, das vibriert und pulsiert. Das ganze Jahr über werden hier Festivals der Ga gefeiert und die Menschen kommen aus allen Teilen des Landes, um bei den Festen in dem kulturellen Schmelztigel Accras dabei zu sein. Die größten und wichtigsten Festivals sind dabei das Homowor Festival, das Akwele Suma Twins Festival und Chale Wote.

Akwele Suma Twins Festival

 


Das Akwele Suma Twins Festival, das auch Yam Festival genannt wird und jedes Jahr zu Ehren der Zwillinge im Augst gefeiert wird, vereint Kunst und andere kulturelle Aspekte miteinander. In der heutigen Zeit gelten Zwillinge als heilig. Es heißt, dass sie der Familie Glück bringen und das feiern die Ga ausgiebig. Am größten und ausgiebigsten wird das Festival in James Town gefeiert. Etliche Familien kommen in dem Viertel zusammen, breiten gemeinsam alles für die Feierlichkeiten zu und ziehen begleitet von Trommelklängen durch die Straßen. Yam ist dabei die Hauptzutat, mit der alles zubereitet wird. Die Eltern der Zwillinge tragen ein Gemisch aus Yam, speziellen Blättern und Fufu, gemischt mit hochprozentigem Alkohol, auf dem Kopf, während sie durch die Straßen ziehen. Das soll der Sage nach den Geist der Zwillinge auf die Eltern übertragen. Die Zwillinge werden mit weißer Farbe bemalt und auch etliche Erwachsene bemalen ihre Gesichter weiß. Jede Familie nimmt so lange an dem Festival teil, bis die Zwillinge erwachsen sind. Das Akwele Suma Yams Festival vereint traditionelle Glaubenssätze, Religion, spirituelle Rituale und moderne Denkweisen. Diese ganz besondere Mischung von Tradition und Moderne spürt man während und in der Zeit vor dem Festival ganz besonders.


Das Schöne an dem Festival ist, dass ein Umdenken in der Bevölkerung stattgefunden hat, das dazu beiträgt, die Zwillinge Jahr für Jahr zu feiern und sie, wie alle anderen Kinder auch, als ein Geschenk anzusehen. Ursprünglich war das Twins Festival nicht Teil des Kulturerbes der Ga. Bis vor einigen Jahrzehnten galten Zwillinge in Ghana noch als Fluch und wurden meistens versteckt oder sogar umgebracht. Umso schöner ist es nun zu sehen, dass es mittlerweile sogar ein eigenes Festival für Zwillingskinder gibt.

The Ga Homowo Festival


Das Ga Homowo Festival wird hauptsächlich von der indigenen Gruppe der Ga gefeiert. Auch hier spielt James Town eine große Rolle, da das Festival dort noch größer gefeiert wird als in anderen Teilen des Landes.

Ursprünglich geht das Homowo Festival auf eine Zeit zurück, in der die Regenfälle während der Regenzeit ausfielen und die Ga an einer großen Hungersnot litten. Die komplette Ernte war vertrocknet und ganze Familien standen vor dem Nichts. Als endlich der lang ersehnte Regen einsetzte wurde ein großes Fest gefeiert. Das Fest war der Anfang des heutigen Homowo Festivals, das Jahr für Jahr im Mai gefeiert wird.


Das Festival startet grundsätzlich mit dem pflanzen von Mais, der für Kpekple gebraucht wird. Kpekple ist das traditionelle Essen der Ga, das extra für Homowo vorbereitet wird. Jede Familie bereitet während des Festivals Kpekple zu und geht von Haus zu Haus, um das zubereitete Essen untereinander zu teilen. Dieses traditionelle Essen wird zusammen mit Palmnut Soup gegessen und Fetisch Priester der Ga verstreuen es auf den Straßen, um so zu zeigen, dass die Ga ihren Weg gemeistert haben, sie zu Erntereichtum kamen und keinen Hunger mehr leiden müssen. Zudem glauben viele der Ga, dass dadurch die Ernte im darauffolgenden Jahr ebenfalls gut und reichlich sein wird.

Während Homowo ist es verboten, laute Musik zu hören oder andere laute Geräusche zu verursachen. Die Ga glauben, dass Krach die Reife der Saat verhindert und so hält sich auch jeder, der dieser Bevölkerungsgruppe angehört, daran. Während Homowo ist es in James Town so ruhig und leise wie sonst nie in Ghana. Es ist fast schon komisch, während dieser Zeit keine laute Highlife Musik aus den Straßenbars zu hören. Am letzten Tag des Festivals darf aber wieder gefiert werden. Dann gibt es Straßenparaden, Programme für Kinder und es wird viel getrommelt, getanzt und ausgelassen gefeiert. Dabei ist es völlig egal, ob man den Ga angehört oder zu einer anderen ethnischen Bevölkerungsgruppe Ghanas gehört. Jeder ist eingeladen, mitzufeiern.

Chale Wote Street Art Festival


Im August geht Chale Wote in die sechste Runde. Vier Tage lang wird in James Town gefeiert. Das Festival ist eine einzigartige Plattform für ghanaische Künstler und Kreative aus der ganzen Welt. Die Künstler bekommen hier die Möglichkeit, ihr Können und ihre Kreativität zu zeigen und werden dafür auch anerkannt. Das war in Ghana lange Zeit nicht so, denn noch bis vor knapp 15 Jahren galten die Menschen, die künstlerisch begabt waren - sei es zeichnerisch, musikalisch oder in den anderen Kunsformen - als dumm. Das Können in diesem eher musischen Bereich wurde nicht anerkannt und selbst diejenigen, die wirklich gut waren, wurden verpönt.

Heute gilt Chale Wote als eines der meist gehypten Festivals in ganz Ghana. Jeder kann zeigen, was er kann, wobei oft der grundsatz gilt: je verrückter und ausgefallener, desto besser. Auch soziale Projekte werden während Chale Wote in James Town umgesetzt. Seit 2012 ist Street Art ein großer teil des Festivals und so wurden zum Beispiel schon einige Schul- und Kindergärten mit toller Street Art verschönert.

Kulturmeile James Town


Das historische Stadtviertel besticht nicht nur durch seine Menschen, den geschichtlichen Hintergrund und die Überbleibsel aus der Kolonialzeit, sondern ist ein Viertel geworden, in dem Individualität und Kreativität groß geschrieben wird, in dem sich gerade während der verschiedenen Festivals etliche Teile der ghanaischen Kutlur zeigen, man einen tollen Einblick in ghanaische Traditionen bekommen kann und während Chale Wote Inspiration und Einblicke in die ghanaische Welt bekommt, die man sonst nicht bekommen würde.

Blogparade "Stadt, Land, Fluss" - J wie James Town


Bereits im letzten Jahr hat Sabine von Ferngeweht zur Reise durch das Alphabet aufgerufen. Damals habe ich mir mit dem Artikel Paradies oder Hölle: Der Ort, an dem der Volta-Fluss und das Meer zusammenfließen direkt das A geschnappt. Nun rief Sabine zur Blogparade "Stadt, Land, Fluss - Die XXL Runde" auf, bei der es nicht nur einen Paten für jeden Buchstaben gab, sondern gleich drei pro Buchstabe, sodass von A bis Z alle Städte, Länder und Flüsse abgedeckt sind. Wer spontan noch eine Idee für einen Fluss mit dem Anfangsbuchstaben Q, X oder Y hat oder wem ein Land mit X einfällt, der kann sich gerne bei Sabine melden. Die fehlen in der XXL Reise durch das Alphabet nämlich noch.

Kommentare

  1. Vielen Dank für den spannenden Bericht. Über solche Orte liest man wirklich selten ...

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    1. Sehr gerne.
      Stimmt. Ich weiß auch ehrlich gesagt gar nicht, ob es überhaupt noch viele andere Orte wie James Town gibt.

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